Das Holzwärmenetz Melchnau, das im Frühling 2009 in Betrieb ging, wird mit Holz beheizt. Der Wärmeverbund wird von einer thermischen Solaranlage unterstützt. 70m2 Kollektoren liefern im Sommer auch Wärme fürs Warmwasser der Käserei, die am Netz angeschlossen ist.
Tief hängen die Wolken über dem oberaar-gauischen Dorf Melchnau und scheinen fast berühren den Kamin der neuen Heizzentrale zu berühren. Dorfbewohner sind keine zu sehen. Nur ein paar Gänse schnattern trotz des feuchten, trüben Novemberwetters auf der angrenzenden Wiese. Ein dunkles Auto fährt herzu, das Schild zeigt eine Freiburger Nummer. Die Türen öffnen sich. Einer, zwei, drei, vier, fünf Männer entsteigen ihm. Ein vorsichtiges Lächeln. „Interessierte an der Heizzentrale Melchnau?“ Ja, das sind sie ebenfalls und somit Weggefährten für den heutigen Nachmittag. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, warten wir auf den Geschäftsleiter des neuen Wärmeverbundes. Und da kommt er ja schon. Einer Kuckucksuhr gleich, öffnet sich die Türe im Giebel des neuen Gebäudes, und ein freundliches Grüezi tönt uns von oben entgegen. Flink steigt er die Treppe hinunter und steht vor uns, ein drahtiger Mann mit wachen Augen und einem grauen Schnurrbart: Hans Duppenthaler, Geschäftsleiter des Wärmeverbundes Sagiweg Melchnau. Und beginnt uns seine Anlage zu erklären.
Entstehung
Die Geschichte beginnt wie andernorts auch. Ein Ölkessel ist in die Jahre gekommen, und eine neue Lösung muss gefunden werden. Die Käsereigenossenschaft prüft Varianten, um den Wärmebedarf der Käserei Melchnau für die nächsten Jahre sicher zu stellen. Der Vorschlag des Vorstandes für eine grosse Schnitzelheizung wird dann aber an der Hauptversammlung 2008 abgelehnt. Die in den letzten Jahren stark gewachsene Genossenschaft, die mehrere Dörfer umfasst, hegt Befürchtungen, dass eine Schnitzelheizung teurer wird als ein Ersatz des Ölkessels. Was nun? Die vier Käsereimitglieder und Milchlieferanten Hans Duppenthaler, Werner Widmer, Peter Leuenberger und Kurt Baumann handeln rasch. Kurzerhand gründen sie eine einfache Gesellschaft, welche die Idee des Wärmeverbundes weiter verfolgt. Und dies erfolgreich. Denn bereits im Winter 2008/2009 kann mit dem Bau der Anlage begonnen werden. Dies nicht zuletzt auch dank finanzieller Unterstützung durch den Kanton Bern und durch die Stiftung myclimate.
Kalter Winter, warmer Znüni
Nebst der Käserei melden verschiedene weitere Interessenten ihr Anschlussinteresse an: Der Kindergarten und die Schule, die Wohnsiedlung Aktiva mit dem Altersheim, die Bank, das Restaurant Löwen, die Überbauung Hägi sowie einzelne Einfamilienhäuser. Es ist schliesslich ein Leitungsnetz von rund 1'700 m Länge zu verlegen. Die vier Gesellschafter mieten einen Bagger und übernehmen einen Teil der Grabarbeiten selbst. Der Rest wird an eine Baufirma übergeben. An besonderen Stellen, wie beim Unterqueren des Dorfbaches, muss gebohrt werden. Melchnau entpuppt sich hier als schwieriges Terrain. Die erste Bohrung ist wenig erfolgreich, weder vor noch zurück will das Bohrgestänge, und es müssen stärkere Maschinen angefordert werden. Der kalte Winter vereinfacht das Arbeiten nicht, dafür jedoch die Znünifrau, welche aus Begeisterung über das Projekt wöchentlich mit einem Znüni auf der Baustelle erscheint. Die Heizzentrale selbst mit dem Kessel, den beiden Speichern und dem 240 m3 fassenden Silo kommt als eigenständiges Gebäude in die Nähe der Käserei zu stehen. Das Land dazu stellt Käsereigenossenschaft in einem 99jährigen Baurechtsvertrag zur Verfügung. Im Giebelraum des Gebäudes entsteht ein kleiner Sitzungsraum.
Sonne und Rauchgase als zusätzliche Energiequellen
In ebendiesem Sitzungszimmer sitzen wir nun nach der Besichtigung der Heizzentrale und des Schnitzelsilos. Der Kessel der Firma Mawera ist problemlos in der Lage, feuchte Schnitzel zu verbrennen. So kann das qualitativ minderwertige Holz, das aus der Landschaftspflege anfällt, verwertet werden. Denn auch solches liefert Wärme, wie wir im behaglich warmen Giebelraum selbst zu spüren bekommen. Hier steht der Steuerungscomputer, und Hans Duppenthaler zeigt uns darin das gesamte System, einschliesslich der ersten Besonderheiten des Melchnauer Wärmeverbundes, der Solaranlage auf dem Dach. Es ist der Planer, Eugen Koller von der Firma GUNEP in Diegten, der die Idee einbringt, die Dachflächen der Heizzentrale und der benachbarten Garage für die Nutzung der Sonnenenergie zu nutzen. Gut, meinen die Gesellschafter, doch woher kommt das zusätzlich benötigte Geld? Es wird schliesslich bei Privatpersonen gefunden. Die Dachfläche von 70 m2 wird zum Preis von 1’000 Fr./m2 „verkauft“. Die Rückzahlung erfolgt in Form von Käse. Über 12 Jahre erhalten die Beteiligten jedes Jahr im Dezember einen Gutschein im Wert von 100 Fr. bei der Chäsi Melchnau. Die zweite Besonderheit ist der Rauchgaskondensator. Er gewinnt die Wärme zurück, die sonst mit den heissen Abgasen durch den Kamin entweichen würde. Effizienz pur!
Erste Wärmelieferungen
Die gesamte Anlage kann im Frühjahr 2009 in Betrieb genommen werden. Denn auch wenn der Winter vorbei ist und die Heizungen abgestellt werden, ist die Käserei weiterhin auf Wärme angewiesen. Deshalb ist die Heizzentrale ganzjährig in betrieb. Ausgenommen natürlich während der kurzen Wartungszeit im Sommer. Um den Betrieb auch dann sicherzustellen und um Spitzenlasten und Ausfälle aufzufangen, ist der Ölkessel in der Käserei immer noch an das System angehängt. Er wird bei Bedarf automatisch zugeschaltet.
Die Sonne erzeugt in den 70 m2 Solarkollektoren auf dem Dach jährlich 35’000 kWh Nutzenergie – und schickt für diese Dienstleistung niemals eine Rechnung. Diese Energie wird zusammen mit den 170’000 kWh aus der Wärmerückgewinnung des Kondensators dem einen Speicher zugeführt. Von hier gelangt das vorgewärmte Wasser über den Kessel in den zweiten Speicher, der wegen des Wärmebedarfs der Käserei auf sehr hohe Temperaturen erhitzt sein muss.
Mit Zuversicht in den ersten Winter
Der Sommermonate nach der Inbetriebnahme dienen der Betriebsoptimierung der Anlage, sodass die Zuversicht vor der ersten winterlichen Bewährungsprobe derart gross ist, dass bereits Ausbaupläne existieren. Denn laut Hans Duppenthaler liegen Anfragen weiterer Anschlussinteressenten vor. Die Kapazität der Heizung reicht aus, um weitere Gebäude anzuschliessen. Die Dorfbevölkerung steht der Anlage positiv gegenüber. Was auch nicht erstaunt, sind doch die Begeisterung und der Enthusiasmus von Hans Duppenthaler ansteckend.
Wir verlassen den Giebelraum und treten wieder hinaus in den Novembertag. Unterdessen ist die Sonne durchgebrochen und lässt die Scheiben der Käserei glänzen. Immer noch schnattern die Gänse auf der Wiese nebenan. Die fünf Freiburger Männer steigen wieder ins dunkle Auto, bereits angeregt diskutierend über die zukünftige Heizung in ihrer eigenen Käserei. Hans Duppenthaler verschwindet im Hintereingang der Käserei, um noch kurz etwas zu besprechen. Ich nehme den Haupteingang, um auch ohne Anteil am Sonnendach etwas vom Melchnauer Käse probieren zu können.






